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Name

 

Acrylamid, 2-Propenamid, Acrylsäureamid

 

Beschreibung

 

Acrylamid wurde erstmals vor gut 50 Jahren synthetisiert. Verwendet wird es fast ausschließlich als Polymer: im Polyacrylamid sind zahlreiche Acrylamid-Moleküle vernetzt. Manche Polyacrylamid-Produkte können noch Spuren des Acrylamid-Monomers enthalten.

 

Bei Zimmertemperatur liegt Acrylamid als weißlich durchscheinendes Kristallpulver vor. Acrylamid ist gut wasserlöslich.

 

Vorkommen/Verwendung

 

In der Bundesrepublik werden etwa 20.000 Tonnen Acrylamid pro Jahr produziert, die fast ausschließlich zur Herstellung von Polyacrylamid dienen. Die folgende Aufstellung gibt einen Überblick über wichtige Anwendungsgebiete und die damit verbundenen maximalen Belastungen mit dem Acrylamid-Monomer.

 

·         In der Trinkwasser- und Abwasseraufbereitung wird Polyacrylamid als Flockungsmittel verwendet. Unter ungünstigsten Umständen werden über das Trinkwasser maximal ca. 0,25 Mikrogramm Acrylamid pro Tag aufgenommen.

·         Polyacrylamid kommt ferner als Verpackungsmaterial und Bindemittel für Papier und Pappe zum Einsatz. Das fertige Produkt enthält maximal 15 Mikrogramm Acrylamid pro  Kilogramm.

·         Manche kosmetische Mittel enthalten bis zu 2% Polyacrylamid, sie gelten als wichtigste Belastungsquelle für den Menschen. Sofern die Mittel nach Gebrauch abgespült werden, liegt die Acrylamid-Belastung bei etwa 2 Mikrogramm  pro Tag; sofern sie auf der Haut verbleiben, liegt sie bei 65  Mikrogramm pro Tag (Durchschnittswerte).

·         Der Rauch einer Zigarette enthält ca. 1 bis 2 Mikrogramm Acrylamid.

·         Die Verwendung von Polyacrylamid als Dispersionsmittel in Farben und Pigmenten hat praktisch keine Acrylamid-Zufuhr für den Menschen zur Folge.

·         Am Arbeitsplatz können messbare Belastungen bei der Kunststoffherstellung und bei der Verwendung von Dichtmassen und Dichtmörteln (Gesteinsverfestigung, Wassersperren) auf Polyacrylamid-Basis vorkommen.

·         Im Labor wird Polyacrylamid in einer Reihe moderner Untersuchungsverfahren (Immunologie, Proteinchemie, Nukleinsäureanalytik/genetischer Fingerabdruck usw.) eingesetzt.

 

Seit Frühjahr 2002 weiß man von der Acrylamid-Belastung bestimmter Lebensmittel, insbesondere solcher auf Getreide- und Kartoffelbasis. Ausgangspunkt für die vorangegangenen Untersuchungen war die bekannte Tatsache, dass sich Acrylamid an den roten Blutfarbstoff (Hämoglobin) bindet. Die hierbei entstehende Verbindung (ein so genanntes Hämoglobin-Addukt) kann seit 1993 zur Überwachung beruflich exponierter Personen eingesetzt werden. Dieselbe Verbindung fand sich allerdings auch bei Personen ohne bekannten Acrylamid-Kontakt. Daraufhin wurde die Vermutung geäußert, dass hierfür der Verzehr bestimmter Lebensmittel verantwortlich sei.

 

Die schwedische Untersuchung vom April 2002 zum Acrylamidgehalt in Lebensmitteln hat dann bestätigt, dass nennenswerte Acrylamid-Mengen in stärkehaltigen gebratenen, gebackenen oder fritierten Lebensmitteln vorkommen. Deutlich bis hoch belastet waren Kartoffelchips und Pommes frites, Kekse, Kräcker, Knäckebrot und Frühstückscerealien. Fleisch, Fisch und Gemüse in gebratener Form waren wenig belastet. In gekochten und rohen Lebensmitteln wurde kein Acrylamid gefunden.

 

Die folgende Aufstellung gibt einen Überblick über die gefundenen Werte (Stand: Oktober 2002, Quelle: Gesundheitsamt Nürnberg).

 

Backwaren ( Brot, Kleingebäck): 30 – 120 µg / kg

Biskuitwaren: 10 – 19 µg / kg

Butterkekse: 163 – 1090 µg / kg

Zwieback: unter 100 µg / kg

Knäckebrot: 30 – 2055 µg / kg

Frühstückscerealien: 30 – 370 µg / kg, in Europa bis zu 2300 µg / kg

Kartoffelchips: bis zu 3680 µg / kg

Erdnussflips, Tortillachips: 30 – 184 µg / kg

Spekulatius. 188 - 800 µg / kg

Popcorn: 416 µg / kg

Pommes frites: bis zu 3920 µg / kg

Röstzwiebeln: 262 µg / kg

 

Zwischen Produkten verschiedener Hersteller und auch zwischen Produktchargen bestehen große Unterschiede, was sich in der erheblichen Schwankungsbreite der Analysewerte äußert.

 

Wie gelangt Acrylamid in diese Lebensmittel?

 

Acrylamid bildet sich bei der trockenen Erhitzung stärkehaltiger Lebensmittel ab einer Temperatur von 120o C, das Temperaturoptimum liegt bei 180o C. Der genaue Reaktionsweg ist noch nicht geklärt, es wird jedoch vermutet, dass es zu einer Reaktion zwischen Zuckern und Aminosäuren (insbesondere Asparagin) kommt. Das bestätigen neueste Forschungsergebnisse aus Großbritannien und der Schweiz. Diese so genannte Maillard-Reaktion ist auch für die Bildung von Bräunungs- und Geschmacksstoffen verantwortlich.

 

Da die in der Übersicht genannten Lebensmittel teilweise seit vielen Jahrhunderten zubereitet werden, handelt es sich bei der Acrylamid-Belastung um ein lange bestehendes Problem, das erst mit Mitteln der modernen Analytik aufgedeckt wurde. Die nun vorliegenden Kenntnisse über den wahrscheinlichen Entstehungsweg des Acrylamids versetzen Lebensmittelhersteller und Verbraucher gleichermaßen in die Lage, Maßnahmen zu treffen, die Acrylamid-Bildung weitgehend zu verhindern. (S. Abschnitt Vorbeugung/Sanierung).

 

Gesundheitsrisiken

 

Acrylamid ist gut wasserlöslich, wird gut resorbiert und im Körper schnell und gleichmäßig verteilt. Im Stoffwechsel entsteht durch eine so genannte Epoxidierung Glycidamid. Glycidamid kann als direkt alkylierender Stoff das Erbgut verändern. Acrylamid  wird rasch - im Verlauf weniger Stunden - ausgeschieden. Ein Übertritt in die Frauenmilch und auf den Föten gilt als wahrscheinlich.

 

Neurotoxizität

 

In hohen Dosen wirkt Acrylamid neurotoxisch (nervenschädigend). Die Dosis  ohne schädliche Auswirkungen (NOAEL, no observed adverse effect level) im Tierversuch liegt hierfür bei 0,5 mg/kg Körpergewicht und Tag.

 

Fruchtbarkeit

 

Im Tierversuch konnte auch eine Beeinträchtigung der Fruchtbarkeit festgestellt werden, der NOAEL für diese Wirkung liegt bei 2 mg/kg Körpergewicht und Tag.

 

Erbgutverändernde und krebserzeugende Wirkungen

 

Acrylamid wird als genotoxisch und mutagen (erbgutverändernd) angesehen, dies gilt sowohl für Körper- als auch für Keimzellen. Acrylamid ist in Bezug auf seine krebserzeugende Wirkung in die Kategorie 2 eingestuft worden. Zu dieser Kategorie gehören Stoffe, bei denen Ergebnisse aus Tierversuchen dafür sprechen, dass sie einen nennenswerten Beitrag zum Krebsrisiko beim Menschen leisten.

 

Acrylamid ist im Gegensatz zu anderen chemischen Kanzerogenen auch ohne vorangegangene Aktivierung im Stoffwechsel krebserzeugend.

 

Daten aus der ersten tierexperimentellen Studie von 1986 sprechen für eine ausgeprägte Nichtlinearität in der Dosis-Wirkungs-Beziehung. Hierbei wurden nur bei der höchsten getesteten Dosis signifikant erhöhte Tumorzahlen beobachtet.

 

Acrylamid beeinflusst mit hoher Selektivität Proteine, die an der Zellteilung beteiligt sind. Diese Wirkung spielt möglicherweise gleichfalls - neben einer Schädigung des Erbguts - eine Rolle im Krebsgeschehen.

 

Belastung des Verbrauchers

 

Es wird geschätzt, dass die durchschnittliche lebensmittelbedingte Belastung des Verbrauchers mit Acrylamid bei etwa 0,3 bis 0,8 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag liegt. Damit wird der NOAEL-Wert für die Neurotoxizität als empfindlichstem Parameter um den Faktor 1.000 unterschritten Allerdings kann sich bei Kindern und Jugendlichen mit hohem Verzehr an bestimmten Kartoffelprodukten dieser Abstand auf den Faktor 10 verringern. 

 

Schätzungen des zusätzlichen (acrylamidbedingten) Krebsrisikos sind mit großen Unsicherheiten behaftet: Berechnungen der WHO, der amerikanischen EPA sowie skandinavischer und schweizer Fachleute unterscheiden sich um mehr als einen Faktor 100. Ursache hierfür sind Unsicherheiten in den Berechnungsmodellen und letztlich im vermuteten Mechanismus der Kanzerogenese.

 

Die nachfolgenden Schätzungen zum Lebenszeit-Krebsrisiko beruhen auf der Annahme, dass lebenslang täglich 1 Mikrogramm Acrylamid pro Kilogramm Körpergewicht verzehrt wird.

 

Institution/Autor                                Krebsfälle pro 1 Million Einwohner

 

US EPA       4.500

WHO              700

Granath und Mit. 1999           10.000

Sanner und Mit. 2001             5.000

Schlatter 2002 50 - 100

 

 

Bewertung

 

Die akute Toxizität ist bei den Mengen, mit denen wir es in Deutschland zu tun haben, unbedeutend. Abschätzungen zu Auswirkungen des Acryamid-Gehaltes einiger Lebensmittel  auf das Krebsgeschehen in der Bevölkerung sind derzeit nicht möglich. Der jetzige Erkenntnisstand begründet ein Minimierungsgebot und gesetzlichen Regelungsbedarf.

 

Analytik

 

Die Bestimmung von Acrylamid in Lebensmitteln erfolgt in hierfür spezialisierten Laboratorien.

 

Biomonitoring

 

Acrylamid und insbesondere sein Stoffwechselprodukt Glycidamid binden sich an Hämoglobin, genauer gesagt an Valin als endständiger Aminosäure einer Hämoglobinkette. Als Maß für eine vorangegangene Acrylamid-Belastung gilt die Menge an dem gebildeten Addukt (N-2-carbamoylethylvalin) bezogen auf Hämoglobin. Ob mit dieser relativ neuen Analytik lebensmittelbedingte Belastungen erfasst werden können, ist noch offen.

 

Grenzwerte/Richtwerte/Vorsorgewerte

 

Der Grenzwert für Acrylamid in der neuen Trinkwasserverordnung liegt bei 0,1 Mikrogramm pro Liter.

 

Der Acrylamid-Gehalt in Lebensmitteln ist derzeit nicht gesetzlich geregelt.

 

Aus Lebensmittelverpackungen dürfen nicht mehr als 10 Mikrogramm Acrylamid pro Kilogramm Lebensmittel übergehen.

 

Vorbeugung/Sanierung

 

·         Lebensmittel auf Getreide- und Kartoffelbasis (Pommes frites, Chips, Bratkartoffeln, Reibekuchen usw.) sollten bei nicht zu hohen Temperaturen zubereitet werden (goldgelbe statt dunkelbrauner Färbung!). Sie sollten in Maßen verzehrt werden.

·         Ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung mit hohem Obst- und Gemüseanteil.

·         Bevorzugung gekochter, gedünsteter oder geschmorter Lebensmittel vor gebratenen, fritierten oder gegrillten Nahrungsmitteln. Auch das Garen in der Mikrowelle ist zu empfehlen.

·         Ernährungsfachleute empfehlen, zur Zubereitung von  Pommes frites Kartoffeln zu verwenden, die möglichst kurz bei Temperaturen über 8o C gelagert wurden oder die möglichst groß geschnittenen Pommes frites vorher zu blanchieren.

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